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Porno - Quo vadis, Teil 2

Von: Joey Ride, ORGAZMIK Redaktor
Bild-Collage: ORGAZMIK Gfx Guru
April 2009


Eine Baisse eilte dem weltweiten Börsen- und Wirtschafts-Grounding voraus: Die Porno-Krise. Rund um den Globus, aber natürlich insbesondere in den Ballungszentren Porn Valley und in Europa beklagen sich Produzenten und Händler über eine besonders schmerzliche und hartnäckige Konstante: Einbrechende Umsätze und damit verbundene Gewinnverluste. Dies bei einer gleichzeitigen Porno-Schwemme, konstant werden zahllose neue Produktionen auf den Markt gespült. Wo allerdings die Masse gross ist, geht auch die Qualitätsschere immer weiter auseinander.

Wie raus aus der Krise? Prominente geben Antwort, weshalb sie vorwärts schauen...

Was sind die Gründe für den prophezeiten Niedergang? Schwindet das Interesse an nackter Haut und dem Austausch von Körperflüssigkeiten? Keineswegs. Pornografie ist salonfähiger denn je, die meisten haben mindestens einmal einen Schmuddelfilm gesehen und leugnen das auch nicht in der Öffentlichkeit. Viele nennen Sexfilme ihr Eigen, stellen sie zwar noch nicht noch kaum ins Wohnhzimmerregal - wobei selbst dies dank äusserst erfolgreichen Pornospielfilmen der jüngsten Zeit keine Schande mehr wäre. Was ist denn nun die Ursache für die drastischen Umsatzrückgänge? Aber eine noch viel zentralere Frage: Kommen wir aus dieser Baisse auch wieder raus - wenn ja, wie? Und wann? Anstatt zu mutmassen, stellen wir diese Fragen am besten gleich denjenigen, die sich mit dem Metier nicht nur vom Hörensagen auskennen: Darstellerinnen und Darsteller, Produzenten und anderen Persönlichkeiten, die sich tagtäglich im 'Biz' bewegen. Viel zu viele Leute hätten zum Thema etwas zu sagen - die Auswahl erhebt deshalb keineswegs den Anspruch, repräsentativ zu sein. Die Stimmen sind aber illuster gemischt und kommen von den Flecken der Erde, die uns pornogeographisch berühren: Den USA, Deutschland und natürlich aus der Schweiz.

Die Fragestellung war bewusst knapp und einfach, damit in möglichst kurzer Zeit mit möglichst vielen Rückmeldungen gerechnet werden durfte. Wie erwartet kamen nicht überall her Antworten, wo Fragen gestellt wurden. Allerdings ist die Ausbeute gleichermassen erfreulich wie überraschend. Zumal der Kanal E-Mail der altmodischste war, gefachsimpelt wurde auch über Facebook und MySpace. Wer ein Feedback schuldig geblieben ist, soll an dieser Stelle Geheimnis des Verfassers bleiben. Rückmeldungen in Rekordzeit kamen allerdings von der Amerikanerin Belladonna (trotz Zeitverschiebung) und dem Deutschen Till Krämer.

Der Grund für die weltweite Pornokrise

Auf die Frage nach der Ursache fürs weltweite Absacken der Umsätze, kommen verschiedene Antworten, zentral ist jedoch erwartungsgemäss die gemeinsame Auffassung, dass gratis übers Internet verbreitete Sexfilme nicht gerade förderlich sind für den Verkauf von Angeboten mit pornografischem Inhalt. Peter Preissle (Zürcher Pornoproduzent und Art Director Magmafilm und Geschäftsführer Tabu & Love) bringt es auf den Punkt: "Wenn etwas mal gratis ist, wird es verdammt schwer, auf einmal Geld dafür zu kriegen." Auch der amerikanische Darsteller Kurt Lockwood sieht hier die Hauptursache und ergänzt: "Wenn bald jeder von sich sexy Bilder und Clips im Internet postet, führt das natürlich zu einem Überfluss". Jung-Star und Orgazmik-Award Gewinnerin Stoya sieht die Krise als logische Folge der weltweiten (Wirtschafts-)Krise. Sie moniert aber gleichzeitig, dass die Benutzung von Kreditkarten und anderen Online- Zahlungssystemen noch immer nicht restlos sicher sind, und dass das Misstrauen dem gegenüber halt immer noch gross sei. Digital Playground 'VP of New Media' Farley Cahen spricht ein zusätzliches Thema an, den Überfluss: "Es gibt schlicht ein zu grosses Angebot, und viele von den Anbietern haben sich noch nicht an moderne Absatzkanäle angepasst und bleiben deshalb auf der Strecke. Wir von Digital Playground sind mit DVD, Blu-ray, Internet- und iPhone-Angeboten auf dem neusten Stand." Der Schweizer Produzent und Darsteller Michael Ryan fokussiert: "Zu viele, vor allem deutsche Labels, sind zu lange dabei. Sie haben jahrelang mit überteuerten VHS-Kassetten viel Geld verdient und sind nun zu träge, sich kurzfristig dem flexiblen Markt anzupassen." Jewel De Nyle, das sich seit 2004 im Porno-Ruhestand befindende Ex-Hustler-Model, schaut mit Wehmut auf vergangene goldene Zeiten zurück: "Tera Patrick und ich sind die beiden letzten unserer Generation, grossartige Verträge hatten und gutes Geld verdienen konnten." Sie sieht den Haupt-Übeltäter in der Piraterie: "Alles wird nur noch zusammengestohlen. Wie soll man da noch einen Profit erzielen können? Die Show ist zu Ende, die Musik hat aufgehört zu spielen, die Stars sind gestürzt und der Vorhang ist gefallen."  Einzig Belladonna schert aus dem Reigen aus: "Die kostenlosen Pornos auf dem Internet sind mit Bestimmtheit nicht schuld an der Misere. Die hat es schon immer gegeben und wird es auch noch immer geben. Schau die doch einfach als Gratiswerbung an!"

Innovationen

Interessanterweise geben sich sämtliche Befragten erstaunlich zurückhaltend, was mittel- und langfristige Innovationsschübe im Pornobusiness angeht. Während Kurt Lockwood davon spricht, dass insbesondere in den USA Handy-Pornographie im Vergleich zu Europa noch in den Kinderschuhen stecke und da wohl am ehesten mit einer Entwicklung gerechnet werden dürfte, spricht Belladonna gar von Sexrobotern. Einig ist sie sich mit Berufskollegin Stoya, dass wohl die 3D-Technik verfeinert werden dürfte und zum Durchbruch kommen wird. Und Spezialist Farley Cageb berichtet aus dem Digital Playground Nähkästchen: "Wir werden 3D vorantreiben - aber auch Special Effects". Dass Blu-ray zu den innovativsten Neuerungen zählt, die noch lange nicht ausgeschöpft sind, spricht er gemeinsam mit Peter Preissle an. Dieser rechnet damit, dass die Schere zwischen Low und High Quality wohl noch viel weiter aufgehen wird. Till Krämer vermutet, dass Cyber Sex und Real Touch, also spürbar mehr Interaktion eine grosse Rolle spielen wird. Orgazmik-Redaktor Peach Ball kann dies bestätigen, berichtet er doch von Computer-Accessoires, die er an der AVN 2009 in Las Vegas bestaunen durfte: Geräte, die sich mittels USB an den Rechner anschliessen lassen und auf Filme abgestimmte Stimulationen an den Körper weitergibt.

Jewel De Nyle setzt keine Hoffnung in technische Revolutionen: "Nichts, auch kein technischer Schnickschnack wird uns die Goldene Epoche zurückbringen." Der Preisgekrönte Starproduzent Robby D. gibt sich zugeknöpft: "Dazu kann ich mich leider derzeit nicht äussern. Ich besuche gerade verschiedene Seminare und studiere die Entwicklungen und Möglichkeiten. Ich kann jedoch so viel versprechen: Wir werden Martkleader sein und ganz genau am Puls des Konsumenten sein."

Woran fehlts in zeitgenössischen Pornoproduktionen?

Für Menschen, die sich tagtäglich mit Pornografie abgeben und z.T. sogar selbst produzieren, ist die Frage, wovon es in Sexfilmen zu wenig gibt, gar nicht mal so einfach zu beantworten. Louisa Lamour, die Schweizer Darstellerin, welche sich eben aus der Pornowelt zurückgezogen und geheiratet hat, findet: "Ich finde Pornos gut, wie sie gedreht sind. Es gibt genügend Abwechslung auf dem Markt." Peter Preissle ist damit nicht ganz einverstanden: "Wieso nicht mal Pornos für die jüngere Generation drehen, Spielfilme mit guten Sound, schönem Sex und Fun? Magma wird schon bald ein Produkt bringen - was, verrate ich noch nicht." Michael Ryan wünscht sich mehr Nylon und Fusssex. Allerdings auch Public Sex, welchen er persönlich bekanntlicherweise nicht nur vom Hörensagen kennt. Die derzeit aktivste Schweizer Darstellerin Loulou Asia aka Asia De Ville, welche zurzeit durch die ganze Welt von Dreh zu Dreh jettet, wünscht sich ein offeneres Publikum: "Wäre die Gesellschaft etwas offener, könnten Regisseure und Produzenten auch besser auf Wünsche eingehen." Till Krämer glaubt an den Kontrast von Zärtlichkeit und Dominanz und wünscht sich statt Rammelei "wirkliche Intimität und lebendige Darstellung".

Pornographie in 10 Jahren

Louisa Lamour bedauert, nicht in die Zukunft sehen zu können, und auch Loulou Asia vermutet: "Auf jeden Fall wirds Pornos auch dann noch geben, genau so wie das älteste Gewerbe der Welt." Davon überzeugt ist auch Kurt Lockwood: "Die Blase dürfte geplatzt sein, aber Porno wird niemals sterben. Fakt ist halt, dass man einen Film irgendwann mal gesehen haben wird und Nachschub nötig wird. Und wo die Nachfrage vorhanden ist, wird auch immer wieder ein Angebot geschaffen werden." Belladonna geht davon aus, dass sich nicht viel ändert: "Die Pornografie dreht sich doch im Kreis. Auch in Zukunft werden wir mit gebleichte Blondinen und falschen Titten vorlieb nehmen müssen. Leider." Stoya rechnet damit, dass die Globalisierung auch vor der Pornobranche keinen Halt macht. "Content wird zwar lokal produziert werden aber unmittelbar nach dem Release von überall her erreichbar sein. Ich rechne damit, dass sich Porno und Mainstream vermehrt über die Hecke gucken und beide voneinander lernen werden." Davon spricht auch Farley Cahen: "Die Grenzen zwischen Adult und Mainstream werden immer mehr verwischen. Der Content wird wohl immer mehr digital verfügbar sein statt physisch. Der Konsum wird überall und jederzeit möglich sein, und dafür werden verschiedene auch neuartige Geräte zur Verfügung stehen." Robby D. kümmert die Zukunft wenig. "Pornographie ist jetzt. Ich geniesse den Moment." Einzig Michael Ryan denkt an den Jugendschutz: "In Europa und auch in der Schweiz wird sich wohl diesbezüglich noch einiges tun."

Wo siehst du dich persönlich in 10 Jahren?

Louisa Lamour hat sich vom aktiven Pornoleben abgewendet: "Ich hoffe, dass ich in 10 Jahren gemeinsam mit meinem Mann ein Kind haben werde." Den Grundstein dazu hat sie mit ihrer kürzlichen Hochzeit ja bereits gelegt, und bis in 10 Jahren wäre bereits eine ansehnliche Familie denkbar. Sofern sich Louisa nicht dafür entscheidet, wieder an den 'Tatort' zurückzukehren. Sie wäre damit nicht die erste, die den Rücktritt rückgängig macht. Auch Belladonna sieht es als nicht unmöglich an, dass sie dann selber nicht mehr aktiv ist: "Vielleicht produziere ich weiterhin erfolgreich - möglicherweise aber auch nicht, und ich sitze irgendwo pensioniert auf einer Insel." Die Insel, oder zumindest die Ferne scheint auch für Till Krämer nicht völlig abwegig zu sein: "Mit einem Laptop auf Hawaii - oder auf dem Arbeitsamt", scherzt er. Nicht allzu ernst nimmts auch Loulou Asia mit ihrer eigenen Zukunft: "Herrlich verbotoxiert, silikonisiert und immer noch kein Gramm normal!" Und etwas ernster: "Der Lebensweg kann sich immer wieder so schnell ändern, und so danke ich schon jetzt Gott für ein langes leben, das über 10 Jahre hinaus geht!" und schon wieder lacht sie. Stoya sieht sich ebenfalls unfähig, so weit in die Zukunft zu sehen. "Auf der Erde, soviel ist sicher. Aber in dieser schnelllebigen Zeit schaue ich nicht weiter als 3-5 Jahre." Michael Ryan sieht sich weiterhin aktiv am Produzieren, im Gegensatz zu Peter Preissle: "Ich bin 63, lebe ohne Handy und Internet, hinter oder vor einer Bar. Vielleicht eröffne ich auch meinen eigenen Member-Club, der 'The Class of 1977' heisst." Kurt Lockwood gerät ins Schwärmen: "Ich werde dann meine Kirche gegründet und Quantenphysik studiert haben. Dann erkläre ich der ganzen Menschheit, was uns Religionen schon Jahrhunderte beizubringen versuchten. Natürlich scherze ich." Jewel De Nyle zeigt sich reichlich unbescheiden: "In zehn Jahren werde ich eine lange und interessante Karriere hinter mir haben. Ich werde in die Geschichte eingegangen sein als die einzigartige Jewel De Nyle, eine der besten Darstellerinnen und Regisseurinnen, die die Pornogeschichte je gesehen hat." Farley Cahen zeigt sich optimistisch, dass er in 10 Jahren bei Digital Playground verantwortlich sein wird, dass er alles oben Versprochene realisiert zu haben. Und Robby D. rundet mit einem Wunschtraum ab: "Bis dann werde ich wohl noch viele Orgazmik Awards gewonnen haben!" (lacht)

Zusammenfassend lässt sich wohl eines festhalten: Eine Krise dient letztenendes dazu, stärker zu werden. Die Menschheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich gerade in schwierigen Zeiten zusammenrauft und Innovationen vorantreibt. Diese positive Tendenz zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Umfrage. Es besteht also kein Anlass, griesgrämig die Zähne zu knirschen und die Faust im Sack zu machen. Die Pornoindustrie wird zwar teilweise hart geprüft, und es wird zu einer unausweichlichen Konsolidierung kommen, der unweigerlich auch kleine und kreative Labels zum Opfer fallen. Aber auch in naher und entfernter Zukunft wird noch viel nackte Haut über die Bildschirme flimmern.


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