Reports
Porno - Quo vadis, Teil 1
Von: Joey Ride, ORGAZMIK Redaktor
Bild-Collage: ORGAZMIK Gfx Guru
Februar 2008
Porno, was ist bloss aus dir geworden - und wohin führt dich dein Weg in naher und ferner Zukunft? Das sind zwei berechtigte Fragen, befinden wir uns doch heute inmitten eines komplett unübersichtlich gewordenen Wildwuchses von miserablen, schlechten, mittelmässigen, guten, sehr guten und überragenden Sexfilm-Produktionen. Wie trennt man erfolgreich den Weizen vom Spreu? Wo führt das alles noch hin!? Ein Analyse-Versuch in mehreren Teilen.
Wir befinden uns im digitalen Zeitalter, in welchem beinahe jeder Haushalt eine Videokamera besitzt, immer erschwinglichere Modelle mit stetig steigender Bildqualität. Um das Filmmaterial zu schneiden ist längst keine Schere mehr nötig, Computersoftware mit limitiertem Leistungsumfang aber beachtlicher Ausgabequalität ist kostenlos oder sehr preisgünstig zu haben. Selbst das Vertonen ist auch für Nichtmusiker ein Kinderspiel - Endresultate in kürzester Zeit hergestellter Home-Movies finden den Weg dank Internet selbst in entlegenste Gebiete dieser Welt. Vorausgesetzt, der Inhalt ist witzig, verblüffend, schockierend oder von sonstigem Allgemeininteresse. Dass dieser Heimvorteil längst nicht nur zum Verewigen von Ferienerlebnissen und Hochzeitsgesellschaften genutzt wird, ist klar - und zwar schon seit die Bilder laufen lernten. Seit just diesem Moment ist es ein menschliches Bedürfnis, sich beim Sex zu filmen. Der Amateur-Sexfilm feiert Hochkonjunktur, und ein Ende ist nicht abzusehen. Im Gegenteil. Denn seit bereits eine Mehrzahl von Mobiltelefonen über eine intergrierte Kamera verfügen, kann sich jeder jederzeit beim vergnüglichen Lustspiel aufnehmen - einschlägige Websites, auf denen das verwackelte Material publiziert werden kann, sind zur Genüge vorhanden.
Pornografie ist stubenrein geworden
Die grosse Flut an täglich neuen Pornofilmen entstammt allerdings nicht Amateur-Küchen, sondern den Studios zahlloser Produktionsfirmen, von denen immer neue wie Pilze aus dem Boden schiessen. Eine grosse Anzahl davon hochprofessionell gefilmt, bearbeitet und vermarktet, mit Darstellerinnen und Darstellern mit Tagesgagen, die diejenigen von Schauspielern oder Models nicht selten deutlich übersteigen. Viele von ihnen werden gefeiert wie Popstars, wer ein Jenna Jameson Poster aufhängt, muss sich kaum mehr schämen: Pornografie ist stubenrein geworden, etwas Selbstverständliches und Alltägliches. Beinahe auf jeden Fall. In Bild und Ton dargestellte Sexualpraktiken sind omnipräsent und jedermann zugänglich, Tag und Nacht. Der Schutz von Minderjährigen ist aufwändig, Massnahmen, Kinder nicht mit Pornografie zu konfrontieren, erweisen sich als sehr schwierig. Allerdings ist die Sexindustrie hier nicht alleine - Alkohol, Tabak, Gewalt und Existenzängste erreichen Jugendliche ungefiltert und rufen Gegner, Jugendschützer und mitunter militante Aktivisten verschiedenster Lager auf den Plan. Der Wandel der Gesellschaft, verbunden mit einer drastischen Veränderung der Wertvorstellungen, ist jedenfalls nicht - oder nur teilweise - auf die schleichende (sexuelle) Revolution des neuen Jahrtausends zurückzuführen.
USA sind Marktführer
Der Versuch, Pornofilme zu kategorisieren, eine gewisse Struktur quasi als Ausgangslage für die Studie zu entwickeln, fängt zwangsläufig bei einer geographischen Einteilung an. Geschätzte 75% aller Produktionen stammen aus den USA, den Rest teilen sich ein paar wenige grössere (Deutschland, Frankreich, England, Tschechien, Ungarn) und eine Unzahl kleiner Staaten (die Schweiz zählt zu den Winzlingen und gewissermassen zu den Porno-Entwicklungsländern). Die Vermutung, dass eine grosse Flut an Filmen zwangsläufig auch eine riesige Menge an qualitativem Müll in die Märkte schwemmt, ist berechtigt. Wer indessen davon ausgeht, dass auch High-End Produkte aus den USA in rauhen Mengen vorhanden sind, irrt sich. Die Top-Labels lassen sich an einer überschaubaren Anzahl Fingern abzählen. Glücklicherweise finden sich aber auch immer mal wieder Lichtblicke, die es den Big Players zeigen und Mut auf mehr machen. Mehr dazu in einem separaten Kapitel dieses Reports. Einen (mehr oder weniger) repräsentativen Überblick über die Marktfüher in allen erdenklichen Kategorien ergeben die jährlich stattfindenen Awards - allen voran die international meist beachteten AVN-Awards in den USA. In Europa ist es insbesondere die Erotikmesse Venus in Berlin, welche vor allem den deutschsprachigen Raum abdeckt und hiesiges Schaffen würdigt.
Eine nächste Unterteilung ist die thematische Gliederung: Vorerst in Hetero, Gay und Bi, anschliessend in eine Vielzahl an feineren Themenbereichen: Praktiken & Techniken ("normaler Sex", Anal, Oral, Gruppensex), Fetish (in allen möglichen Variationen: Körperteil-betont: Fuss, Brüste, Hinterteile - Lack & Leder, Brillen, Bizarr, Gewaltanwendungen, etc.), Teenager, mittelalterliche und ältere DarstellerInnen; auch der Ort, wo der Sex praktiziert wird, lässt sich als Kategorie definieren: im Freien (Exhibitionisten, Strassenflirts), im Büro und an vielen weiteren möglichen und unmöglichen Locations (wie beispielsweise an der Loveparade in Berlin, in Zug & Auto, etc.). Diese Aufstellung ist nicht im Ansatz vollständig und verdient ebenso ein separates Kapitel in diesem Report.
Die technische Revolution steht vor der Tür
Vergleichen wir die Entwicklungen in der Informatik mit derjenigen der Porno-Industrie: haben bis vor nicht allzu langer Zeit noch die mittlerweile hilflos veralteten Disketten zum Datenaustausch gereicht, werden wir bald winzige externe Terabyte-Festplatten auf dem Schreibtisch liegen haben und uns über unerträgliche Einschränkungen beim Abspeichern unserer Daten beklagen. Das Stichwort 'Datenmenge' ist im Zusammenhang mit Pornografie nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen, wie es vielleicht scheinen mag. Die nächste Generation von DVDs (Blu-Ray oder HD-DVD) stehen in den Regalen der Shoppingmärkte und versprechen nebst spürbarer Verbesserung der Bildqualität (entsprechendes TV-Equipment vorausgesetzt) zudem völlig neue Perspektiven in Sachen Interaktivität. Ob wir auch demnächst mit sehenswerten 3D-Filmen rechnen können, steht indessen in den Sternen. Diese Entwicklung steckt (leider) noch in Kleinstkinderschuhen. Dasselbe gilt für Porno-on-Demand, der Alternative zum DVD-Kauf - hier war und ist Orgazmik.com schweizweit Marktführer.
500 neue Filme pro Woche
Bereits dieses einleitende Kapitel zeigt eines auf: So weit die Entwicklungen in verschiedenste Richtungen fortgeschritten zu sein mögen, so offen ist der weitere Verlauf. Können Pornofilme immer extremer werden, und besteht dazu überhaupt noch ein Spielraum? Die Antwort darauf ist wohl ein klares JA. Nur wer ausgefallener ist als seine Mitstreiter, wird wahrgnommen. Bei der immensen Zahl von 500 Produktionen, die weltweit pro Woche erscheinen und verkauft werden wollen - alleine beim Schweizer Anbieter Orgazmik.com werden wöchentlich mindestens 150 neue Titel gelistet, ist die Chance unterzugehen extrem gross. Es gilt, die wachsende Zahl illegaler Downloads, begleitet von sinkenden Verkaufszahlen wettzumachen. Immer neue Innovationen sind gefragt - oder der Beweis, dass Qualität und Kontinuität die Kundschaft bei Laune behält. Fazit: Wir dürfen uns auf einiges gefasst machen - so oder so.
Vorschau
Im Teil 2 des Reports "Porno, quo vadis?" blicken wir nicht in die Sterne, sondern lassen wir diejenigen zu Wort kommen, die am besten wissen müssten: Pornodarstellerinnen und -darsteller aus der nationalen und internationalen Szene. Sie werden Red und Antwort stehen und uns verraten, ob sie die Zukunft ihrer Berufsgattung Rosarot oder Rabenschwarz sehen.