Reports
Pornofilm Qualität vs. Web 2.0
Von: Aliosha
Bild-Collage: ORGAZMIK Gfx Guru
Oktober 2008
Löst das Mitmach-Internet mit YouPorn, PrivatAmateure und Konsorten traditionelle Geschäftsmodelle der Pornobranche ab? Oder gibt diese Entwicklung gar den Anreiz Qualitätsporno als Gegenpol zu machen? In Internet-Foren wie XFilmberichte.de gibt es Diskussionen zu lesen, ob die klassische Pornobranche am Ende sei. Orgazmik Redaktor Joey Ride hat in seinem Bericht "Quo Vadis" bereits im Februar das Thema angeschnitten, Aliosha sucht nun vorallem auch nach Erklärungen und zeigt aus einer anderen Perspektive, wie sich die Pornoindustrie ändert.
Die Veränderungen in der Branche scheinen so gravierend zu sein, dass das Thema Porno in den Wirtschaftssparten namhafter Magazine und Zeitungen wie "Der Spiegel", "NZZ", "Süddeutsche Zeitung", etc. Einzug fand. In den letzten drei Jahren wurde dort in aller Deutlichkeit die Apokalypse des Schmuddels angekündigt, der Aufstieg des Kunst-Pornos heraufbeschworen und die anarchische Demokratie der Web 2.0-Plattformen wie YouPorn zelebriert.
Was die Endzeit des Billigpornos betrifft, ist es schwer den Gedanken abzustreifen, dass hier geerntet wird, was kaltschnäuzig gesät wurde. In den letzten dreissig Jahren hat eine ganze Legion von Pornoproduzenten darüber geklagt, dass Pornographie keine Anerkennung erhält und keinen Status als Kunstform geniesst. Doch das waren stets Exoten. 90% der Macher wüssten und wissen mit einer derartigen Forderung nichts anzufangen. Das Motiv ihres Handelns - und darin liegt wahrhaftig nichts unehrenhaftes in einer gänzlich monetären Zivilisation - war stets: Das Geld. Ich bezweifle, dass die breite Masse der Porno-Produzenten der letzten Jahre jemals den Gedanken an sich herangelassen hätte, dass sie tatsächlich eine prägende Wirkung haben. Dass sie Einfluss haben und ihre Kunden zu Sehgewohnheiten erziehen. Und damit sind wir auch tief in der zeitnahen Reich-Ranicki-Debatte, denn das Prinzip ist identisch. Denn dem inzestuösen, primitiven Privatfernsehen ist auf lange Sicht das selbe Schicksal beschert, wie der von den 90ern geprägten Porno-Branche.
Doch die Wahrheit ist: alles prägt und alles hat Einfluss. Wenn ich mir einen Slogan aufs T-Shirt drucke und damit als einziger durch die Stadt gehe, übe ich bereits Einfluss aus. Einen mikroskopischen vielleicht - aber dennoch. Wer jahrelang in indifferenten Schund investiert und nach dem Motto operiert: "Passt schon, hauptsach' billig und schmutzig. So mögen's die Leute." kreiert eine entsprechende Sehgewohnheit. Der Mangel an Alternative schafft eine Norm. Das gesuchte Wort lautet: Mainstream. Und das wird damals, zur gegebenen Zeit, jeden einzelnen Pornomacher gefreut haben. Wie gut, dass wir keine 50.000 in einen Film stecken müssen, die Leute mögen es auch so. Uff, Glück gehabt.
Das funktioniert auch und niemand stellt es in Abrede. Aber es liegen ökonomische Fallgruben auf dem Weg. Es ist nicht schwierig eine Fabrik in China zu bauen, die dann in einem Jahr 10.000.000 gefälschte Swatch-Uhren vom Fliessband lässt. Es wäre deutlich schwieriger dort Patek-Philippe-Uhrwerke nachzubauen. Qualität ist (fast) unmöglich zu fälschen. Darin liegt ihr Wesen. Wenn sich also die Porno-Branche eine sehr niedrige Messlatte setzte, um über Jahre hinweg möglichst viel Geld bei möglichst wenig Investition zu machen, ist es unabwendbar, dass die herrschende Nomenklatur früher oder später abgelöst wird. Denn die Produkte sind leicht imitierbar. Und wer ist dafür besser geeignet, als das Internet mit seinen undurchsichtigen Wertschöpfungsketten? Manch einer der alten Garde mag mit dieser (schönen) neuen Welt leicht überfordert sein. Ich sage, wer heute dem Zeitgeist entsprechen will, sollte seinen Porno mit dem Handy drehen.
Die Amerikaner haben das alles etwas früher erkannt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Labels wie Vivid auf coole Verpackungen setzen und einen Weg suchen, dem Käufer ein haptisches Gefühl von "Besitz" und "Sammlerstück" zu geben. In einer Ära, in der alles virtuell wird, gilt es dem materiellen Wert einzuhauchen, um einen Anreiz zu schaffen. Natürlich muss man tiefer in die Tasche greifen, wenn man nachhaltig sein möchte. Es führt kein Weg daran vorbei. Und das fällt den wirtschaftlich nur sehr bedingt visionären Produzenten schwer. Allein der blosse Gedanke, auf das Wegbrechen der Umsätze mit höheren Investitionen zu reagieren, entsetzt die meisten. Es ist schwer das jemandem zu verkaufen, dessen Business stets nur verkürzte Wege genommen hat und sich von einem Monat zum nächsten hangelte. Aber das ist die Wirklichkeit, da draussen, in der echten Welt. Eine marode Firma saniert man vorzugsweise in dem man sie modernisiert und für die Gegenwart optimiert (und im Prozess die unfähige Unternehmensführung feuert) und nicht, in dem man die Fehler der Vergangenheit intensiviert.
Damit kommen wir zu der zweiten, eingangs geäusserten Behauptung, dass wir uns im Morgengrauen einer neuartigen Kunst-Porno-Ära befinden. Nun einiges spricht dafür und einiges spricht dagegen. Vorweg gesagt: Schmuddel ist nicht lediglich die Abwesenheit von Qualität. Das wäre zu simpel. Schmuddel ist Haltung, Lifestyle und Kick in einem. Es gibt vermögende Rechtsanwälte, die in irgendeinem Hinterhof mit einer heroinsüchtigen Nutte um 40 Euro feilschen. Das tun sie nicht deshalb, weil sie sparsam sind. Wir sollten nicht denken, dass nun der grosse Paradigmenwechsel anbrechen wird und die Porno-Gemeinde einhellig mit gegen den Himmel gestreckten Armen den Messias Andrew Blake erwartet. Das wird einfach nicht passieren. Schmuddel war schon dabei, als es noch stumme Stagfilme der 20er Jahre gab. Und viel mehr sprechen haben die Sexfilme in achtzig, neunzig Jahren ja nicht gelernt. Der Mangel an Qualität ist eines der grundsätzlichen Wesenszüge der Pornographie. Es ist nicht der Einzige, aber der Dominante. Man muss dem Konsumenten nicht erklären, warum er sich einen obszönen Streifen anschauen soll, der mit einer kleinen Handkamera und nur einem Scheinwerfer (wenn überhaupt, denn die Leuchtstoffröhre in der Küche macht ja auch Licht - die Kino Flos der Pornographen sozusagen) gemacht wurde. Man muss ihm höchstens erklären, warum er für das Ergebnis 45 Euro zahlen soll.
Dem kollektiven Aufbruch in die Kunstwelt steht noch ein pragmatisches Problem im Weg. Es ist das Know-how, das Können. Die meisten Labels haben über die Jahre nicht gerade auf das Fermentieren von Profis in ihren Telefonbüchern gesetzt. Die meisten Labels könnten nicht einmal dann Qualität produzieren, wenn man ihnen einen Koffer voller Geld auf den Tisch legen würde. Immerhin - mit dem Koffer könnten sie die Ressourcen einkaufen. Ohne Koffer ist es schwer. Denn Profis wollen Geld und von Pornoleuten wollen sie so richtig Geld. Ich hätte genug Telefonnummern in meinem Handy, um morgen mit einem High-Class-Action-Science-Fiction-Hardcore-Film anzufangen, aber jeder der Profis wird sagen: "OK, wo ist dein Cash? Ich will 500 Euro am Tag." Und ich werde dann etwas von Idealismus plappern. Und dann werden die alle nur mit den Schultern zucken und erwidern: "Ihr habt zwanzig Jahre nur Kohle aus dem selben Strohballen gedroschen und jetzt sollen wir bei den Idealen und Visionen aushelfen? Wenn ich umsonst arbeiten will, helfe ich lieber meinen Studenten mit ihrem nächsten Kurzfilm. Niemand geht in die Pornographie, um seine Ideale zu leben."
Gibt es also den Wandel zur Qualität oder nicht? Es gibt ihn schon. In Spanien ganz stark. In Frankreich. Leider kaum in Deutschland. Dabei wären die Leute da. Aber natürlich darf man es sich nicht wie eine Palastrevolution vorstellen, die den Schmuddel über den Tarpejischen Felsen drängt, um anschliessend Rom zu übernehmen. Aber die systematische Autodestruktion des vergleichsweise billigen Mainstreams schafft ein Vakuum und das sollte so viel wie möglich von Qualität ausgefüllt werden. Es ist eine Chance. Denn das Vakuum wird gefüllt werden. Die Frage ist nur, ob es durch noch mehr Schund aus dem World Wide Web geschehen wird, oder ob die Qualitätsprodukte hierbei ihr Gebiet auch etwas erweitern können. Hier gibt es durchaus Anlass zur Hoffnung. Es gibt immer mehr alternative Filmfestivals, die ein Gegenprogramm zu dem neurotischen Kunstkonstrukt "Venus" stellen. Man könnte beinahe glauben, es tut sich etwas.
Das Kind der Stunde heisst augenblicklich Porn2.0. Und es wurde längst samt Badewasser in den Abguss geschüttet. Die anfängliche Euphorie über Porno-Plattformen mit Web 2.0-Strukturen hat bereits ihren bitteren Dämpfer erfahren. Denn die Produzenten von Billigpornos haben über die Jahre hinweg das Abkürzen der Wege und das Ergreifen der einfacheren Lösungen zu einer Lebensart erklärt. Und jetzt wo das Schiff sinkt und die Ratten hektisch über die Taue an Land flüchten, ist YouPorn eine preiswerte Anlaufstelle zum kannibalisieren. Was am Anfang als ein Hurra-Aufschrei einer sexuell befreiten, enthemmten Cyberwelt empfunden wurde, ist heute einfach nur eine belanglose Anlaufstelle für Pornofirmen, um dort ihre Clips hochzuladen. Es überrascht nicht, dass inzwischen gemunkelt wird, dass die gesamte Porn2.0-Unternehmung einfach nur das Werk pfiffiger und wohlbetuchter Porno-Produzenten ist.
Fazit: Porno wird mit der selben Wahrscheinlichkeit verschwinden, mit der Drogenkonsum und Prostitution verschwinden werden. Meine langüberlegte Einschätzung dieser Entwicklung liegt bei ungefähr 0% (in Worten null). Kaiser Tiberius hat schon Pornos gesammelt und seinen soziopathischen Grossneffen Caligula losgeschickt, um sie für ihn im ganzen Reich zu suchen. Die haben sie sich dann reingezogen, anstelle zu regieren.
Doch die Beweispflicht, ob eine DVD (am besten noch im DVD5-Format) 50,- Euro wert ist, obliegt den Machern solcher Filme, nicht den Konsumenten. Da darf man sich nicht wundern, wenn der Markt dafür nur 15 Euro auf dem Wühltisch rausquetscht.
Es ist nie zu spät, um das Wort Deflation im Wörterbuch nachzuschlagen.