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Das Leben von Larry Flynt (Hustler)

Von: Joey Ride, ORGAZMIK Redaktor
November 2008


Der 1942 in Salyersville (Kentucky) geborene Larry Flynt hat wie kaum ein Zweiter die publizierte Sexualität geprägt, wenn man das so nennen kann. Während 1968 die körperliche sexuelle Revolution stattfand, war es 6 Jahre später das von Flynt ins Leben gerufene Magazin HUSTLER, welches eine neue Ära der Meinungsfreiheit einläutete. Bis es allerdings zu dieser kam, galt es für den Pionier einen steinigen Weg zu beschreiten. Er bezahlte einen hohen Preis, nämlich den seiner Gesundheit: Seit einem Attentat gegen ihn und seinen Anwalt ist sein Unterleib gelähmt, und er ist an den Rollstuhl gefesselt. Dieser Rückschlag war allerdings nicht das Ende seiner Karriere, sondern definierte fortan sein Lebensziel: Die uneingeschränkte Meinungsfreiheit für alle. Allerdings folgte dem ersten Schicksalsschlag eine Medikamentenabhängigkeit, als er gezwungen war, die starken Schmerzen permanent mit Morphium zu unterdrücken. Davon geheilt, blieb ihm bis heute eine Manische Depression, welche ihn noch bis zu seinem Lebensabend begleiten wird.

Vorerst war das nicht der erklärte Plan, das Sexmagazin HUSTLER wurde aber bald zu dem, was es heute noch ist: der schärfste Konkurrent der Kultblätter PLAYBOY und PENTHOUSE. HUSTLER, was ins Deutsche übersetzt so viel heisst wie 'Stricher' (männlich oder weiblich), war ursprünglich eine Werbepostille für seine Strip-Clubs. Aus der ersten Bar, die er 1965 in Dayton (Ohio) für $6000 erstanden hatte, wurden in den frühen 1970ern stolze acht, die er gemeinsam mit seinem Bruder Jimmy erfolgreich betrieb. Aus dem Gratis-Faltblatt wurde im Juli 1974 dann die erste Ausgabe vom HUSTLER MAGAZINE, das es sich auf die Fahne geschrieben hatte, Sex fortan provokativer und expliziter darzustellen, als es Playboy und Penthouse zu tun pflegten. Niemand wunderte sich ernsthaft, als diese Provokationen im prüden Amerika für grosses Aufsehen sorgten. Die Gebrüder Flynt hatten ihr Ziel erreicht, aus dem langweiligen Landleben auszubrechen - den Weg über die Sexindustrie zu wählen, erwies sich ebenfalls als Glücksgriff.

Der junge Flynt
Man kann nicht behaupten, Flynt's Jugend sei von grossem Glück geprägt gewesen. Der Vater ein Säufer, die Mutter arm und bescheiden, liess sich scheiden, als der gemeinsame Sohn 10 Jahre alt war. Bisher in Salyersville zuhause, siedelten die beiden um nach Indiana. Bereits mit 15 trat der Jüngling der US Army bei, welcher er für ein Jahr diente, bevor er mit 16 zur Navy wechselte. Bis zu seinem 22. Lebensjahr war er damit einem strengen Regime unterworfen, das ihm kaum Freiheiten lies. Dessen überdrüssig, entschloss er sich zum Austritt aus den militärischen Diensten und erstand kurze Zeit später in Ohio eine Stripbar. In diesem Business war er sehr erfolgreich, schon bald stiess sein Bruder dazu - gemeinsam führten sie die sündigen Lokale und verdienten ordentlich Geld mit nackter Haut.

HUSTLER - die neue Sexuelle Revolution
Das dominierende Männermagazin zu dieser Zeit war das weltberühmte PLAYBOY, diese Tatsache war Flynt ein Dorn im Auge. Seiner Ansicht nach war die Zielgruppe in der Arbeiterschicht zu suchen, wo eine Publikation mit intellektuellem Anspruch unbestrittenermassen fehl am Platz war. Die Leserschaft suche nicht nach Lesestoff, sondern Wichsvorlagen. Die Buchstaben dazwischen - und sei es gar ein Interview mit dem Präsident der Vereinigten Staaten - sei reines Füllmaterial. HUSTLER sollte anders werden. Derber und expliziter. Diese Vorankündigung stellte sich nicht als billige PR-Masche, sondern als das Programm des 1974 aus den beiden Werbeblättern 'Hustler Newsletter' und 'The Hustler for Today's Man' neu geborenen Magazins heraus: "Wir zeigen Pink!" (Umgangssprache für die Innenseite einer Vagina). Und das darf getrost als zweite Sexuelle Revolution bezeichnet werden. Für die einen Drohung, für die anderen ein Versprechen, beides wurde gehalten. HUSTLER bildete korpulierende Paare, rasierte weibliche Geschlechtsteile, nackte Schwangere, Ejakulationen, She-Males, Androgyne und suhlte sich in zum Teil derbem Humor, welcher bislang noch nicht den Weg auf bedrucktes Papier gefunden hatten. Jedenfalls nicht auf am Kiosk an der Ecke Käuflichem. Rassistischer und Frauenfeindlicher Inhalt, selbst Scherze über Kindsmisshandlung waren kein Tabu. Die Gegnerschaft (prominente Politiker, Feministinnen, Moralisten und Geistliche) kämpfte auf breiter Front und versuchte nicht nur den Verleger zu bestrafen, sondern auch gerade noch diejenigen, welche die Schriften verbreiteten. Dies stachelte Flynt aber nur noch mehr an, für sein Recht und dasjenige einer ganzen Nation zu kämpfen.

Das Imperium und der Hüftschuss
Nachdem das Blatt 1975 einen Coup landete, in dem es einem ihrer Paparazzi gelang, ein Nacktfoto von Jacqueline Lee Bouvier Kennedy Onassis zu schiessen (Frau Kennedy war keine geringere als Präsident Kennedy's Gattin und somit die First Lady der USA!), entstand im Jahr darauf das eigentliche Flynt Imperium, die 'Larry Flynt Productions'. Dieses Haus zeichnete und zeichnet sich noch heute verantwortlich für Pornografie, seit 1986 werden unter anderem auch Kleider produziert.

Der ansonsten sehr erfolgreiche Flynt musste mit einigen Tiefschlägen fertig werden. Vier seiner Ehen scheiterten, seine fünfte Ehefrau Althea erkrankte an AIDS und ertrank 1987 - gerüchteweise unter dem Einfluss von Heroin - in ihrer Badewanne. Der grösste Schicksalsschlag in Larry Flynt's Leben waren aber nicht die Frauengeschichten und die zahlreichen Prozesse gegen ihn und sein Lebenswerk, sondern das Attentat gegen das Leben von ihm und dem seines Anwaltes. Die beiden kamen am 6. März 1978 aus dem Gerichtsgebäude von Gwinnett County (Georgia), wo sie sich wieder einmal für die Publikation obszöner Inhalte zu verantworten hatten und wurden mutmasslich vom Mörder Joseph Paul Franklin überrascht. Er soll zu einem späteren Zeitpunkt zugegeben haben, sich an den Veröffentlichungen sexueller Handlungen von Menschen verschiedener Hautfarbe gestört und deshalb auf die beiden geschossen zu haben. Weil Franklin aber bereits rechtskräftig wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden war, bemühte sich die Staatsanwaltschaft damals nicht, einen neuen Prozess gegen ihn zu eröffnen. Die schwerverletzt Überlebenden wurden damit gleich mehrfach gestraft, Flynt aufgrund seiner Verletzungen zudem nachhaltig und endgültig: Er war fortan von der Hüfte an abwärts gelähmt.

Ein unermüdlicher Kampf beginnt - jetzt erst recht
Jetzt waren quasi die Startschüsse gefallen, mit aller Energie den politischen Kampf aufzunehmen. Flynt gings längst nicht mehr ausschliesslich darum, für eine sexuelle Freiheit zu kämpfen - sein erklärtes Ziel war fortan die uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Laut eigener Aussage erachtete er sein Leben als eigentlich beendet. Womit er genügend Zeit hatte, sich umso intensiver um seine Anliegen zu kümmern. Und um vor Gerichte zitiert zu werden. Zum Verhängnis wurde HUSTLER zum Beispiel, als ein 14-Jähriger tot in seinem Zimmer aufgefunden wurde. Erhängt an seinem eigenen Gürtel, vor ihm ein HUSTLER-Magazin, aufgeschlagen bei einem Artikel unter dem Titel "Orgasmus des Todes". Eine Anleitung, wie man mittels Selbststrangulation zu noch höherer Lust kommen sollte. Die explizite Warnung auf derselben Seite, diese Praktik mit grösster Vorsicht zu geniessen, zeigte offenbar nicht die benötigte Wirkung. Flynt sah sich veranlasst, die Pressefreiheit zu verteidigen.

Die Art und Weise, wie der Freiheitskämpfer pflegte vor den Richtern zu erscheinen, nahm immer drastischere Formen an: Gehüllt in eine Amerikanische Flagge dachte er nicht daran, sich auch nur eine Sekunde den Mund zu verbieten. Erst wurde er in der Folge geknebelt, anschliessend für 15 Monate in eine geschlossene psychiatrische Behandlung gesteckt. Das Ende? Mitnichten! Als US-Präsident Bill Clinton's politische und persönliche Demontierung aufgrund seiner sexuellen Beziehung zu Monica Lewinsky begann, ging Flynt erneut in die Offensive. Im Oktober 1998 setzte er ein Kopfgeld von 1 Million Dollar aus, für jeden Kongress-Abgeordneten, der des Ehebruchs überführt werden konnte. Drei Millionen wurden ausbezahlt. Als 2003 die Wahlen für den Gouverneur von Kalifornien anstanden, galt Larry Flynt für kurze Zeit als aussichtsreichster (da reichster) Kandidat. Bis ihm Arnold Schwarzenegger während einer TV-Show mit seiner Kandidatur kurzerhand den Wind aus den Segeln nahm und anschliessend gewählt wurde.

Gegenwart und Zukunft
Die Flynt-Lebensgeschichte wurde 1996 unter dem Titel 'Larry Flynt - Die nackte Wahrheit' ('The People vs. Lary Flynt, Regie: Milos Forman) mit Flynt in der Hauptrolle des Richters Morrissey und Courtney Love als seine 5. Ehefrau in die Kinos und heimischen DVD-Player gebracht. 2007 folgte der Dokumentarfilm 'The Right to be Left Alone' (Regie: Joan Brooker-Marks), welcher sich praktisch ausschliesslich dem Kampf für die freie Meinungsäusserung widmet. Dies tut Flynt auch weiterhin sehr aktiv, unter anderem über seine Website www.larryflynt.com. Das HUSTLER-Magazin hat sich nach Rekord-Auflagen von bis zu 3 Millionen Exemplaren bei gut 500'000 eingependelt. Jimmy Flynt, mittlerweile Präsident von 'Hustler Entertainment' sieht darin den logischen Verlauf durch die Entwicklung des Internets und ist trotzdem überzeugt, dass auch in Zukunft Leute Zeitungen und eben ihr Magazin kaufen werden. Die US-Senatoren bekommen seit Jahren regelmässig die neuste Ausgabe des HUSTLER zugeschickt, und das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern. Nachdem das ungefragte Gratis-Abo nämlich vor einigen Jahren jeweils noch lauthalsen Protest ausgelöst hatte, werde heute "kaum mehr ein Exemplar" zurückgeschickt.


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