Interview

Joe Gallant

Joe Gallant Er ist Pornoregisseur und Bassist bei einer Jazz Band. Er dreht seine Filme konsequent in düsteren Clubs, miefigen Kellern und Appartements in NYC, hat einen Flair für den angelsächsischen Undergroundfilm und bringt verdammt frischen Wind in die miefigen und immer prüder werdenden Stuben der Sexfilmproduzenten dieser Welt: Joe Gallant

Lenzl4 (ORGAZMIK): Wer war eigentlich zuerst da: der Porno-Regisseur oder der Jazzmusiker?

Joe Gallant: Nun, ich hab meinen ersten Porno im Alter von zehn Jahren aufs Auge gedrückt bekommen. Zur selben Zeit fing ich an, Klavierstunden zu nehmen. Ich bin immer schon an beidem interessiert gewesen. Beide Richtungen haben ähnliche Energien zu bieten. Für mich ist Musik die stärkste Medizin, welche es gibt. Sie ist angereichert mit Licht, Freude, Farben, Eleganz, Sinnlichkeit und hat eine heilende Wirkung. Musik ist aber auch ein Medium für dunkle Energien. So was spüre ich auch in einem guten Pornofilm. Unserer Welt, speziell die vereinigten Staaten von Amerika, ist enger geworden. Eine Comix-Welt, welche von Vampyr ähnlichen Kreaturen auf Fox News und korrupten, lügenden Monstern im Weissen Haus bevölkert wird. So macht es Sinn neue Kunstrichtungen zu finden, welche der US-Version von Faschismus die Stirn bieten. In den 90er Jahren hatte ich einen bekannten Pornostar als Freundin, Trinity Loren. Wir fingen an, als Paar im Business zu arbeiten. Leider ist sie dann schon bald verstorben und ich gründete meine eigene Pornofilm Produktionsfirma. Auch mit dem Hintergedanken Trinitys Tochter mit Geld für eine Schulausbildung zu versorgen.

... und wie sieht mit deiner Karriere als Musiker aus, ich nehme an du hast in den 70er Jahren genau das richtige Alter gehabt?
Mein erstes Rockkonzert habe ich am 30.Dezember 1971 besucht. Die Gruppe THE BAND hat in der 14ten Strasse in New York City in der Academy of Music gespielt - der Gig jagte mir die grauen Zellen aus der Hirnschale. Dieses Gemisch aus Patschuli- und Hanfgeruch, diese exotischen Zigeunerzirkus-Vibes - was auch immer diese magische Stimmung auf der Bühne zwischen dieser Gruppe von Musikern auflodern liess, ich wusste, da will ich auch dabei sein.

Also hast du dich auf die Socken gemacht, deinen eigenen Sound zu entdecken?
Ein entscheidendes Kapitel in meinem Leben wurde zwischen 1975 und 77 geschrieben. Da passierte einfach alles. Ich wurde komplett von der Musik aufgesogen. Ich ging auf die Uni in NYC spielte jeden Tag mit den unglaublichsten Freaks meiner Generation. Ich sage dir, wir waren auf EINER MISSION und suchten nach dem perfekten Sound und der Wahrheit, welche dahinter liegt. Ich schaffte es meinen Hintern in ein Jazz Ensemble zu befördern. Ich war irgendwie der einzige Jazz-Bassist in einer Gruppe mit Vollblut Jazz Musikern in NYC. Gewaltig! Das war eine grossartige Erfahrung für mich. Wenn dich das Schicksal schon in diesen Topf schubst, nimm deine Chance war und lerne dein Handwerk. Hast du mal eine Solo-Nummer abgegeben? Ja, mein erster New York City Gig war mit David Peel zusammen in der UNDERGOUND TONIGHT SHOW auf dem Kabelsender D im Oktober 1975. Das war eine feine Sache, da waren auch Autoren aus jener Zeit mit dabei: ein Mischmasch aus Ideen, elektronischen Musikexperimenten, alle Antennen waren auf Empfang eingeschaltet. Ich spielte danach auch mal mit Wayne Horvitz und Zorn, alle diese pelzigen Freak Brothers eben, sagenhaft..

. ... und dann?
Zwischen 1978 und 79 ging ich nach Berklee aufs College of Music für ein Jahr. Ich spielte in dutzenden von Bands mit, sass stundenlang auf der Bettkante und übte Charlie Parker Handgriffe. Ich schrieb meine eigene Musikstücke und setzte mich in die Vorlesungen von Brian Eno über Ethno-Musik, lange bevor die schleimigen Musik-Journalisten und Weicheier von Produzenten die Welt mit dem Begriff World Music verseuchten. Auch David Bowie tauchte da auf und quaselte einem die Rübe voll.

Es gab da ja auch einen fetten Absturz, nicht?
Ja, danach wanderte ich schnurrstracks in eine sechsjährige Heroinabhängigkeit. Eine abwärts führende Spirale, mein Lieber. Nach dem ersten Schub einer Art von Vampyr-Energie fühlst du dich, als könntest du alles erreichen auf der Welt. In Wirklichkeit war der Stoff eine einmütige, geistige Wunderwaffe, danach fängst du an, deine Instrumente zu verkaufen um an den Schnee ranzukommen, wirst verhaftet, machst ein paar lebensgefährliche Überdosen durch, kennst ein paar Notfallstationen in- und auswendig, brichst in Badewannen und auf Bürgersteigen zusammen, klaust Kunst aus Galerien, wäschst dich nicht mehr, spritzst dir in Verzweiflung Klowasser in die Venen und schreckst deine besten Freunde ab.

Deftig.

In diesem geistigen Ausnahmezustand habe ich 1982 eine Band namens ILLUMINATI gegründet. Wir waren ein Trio und im April 1985 hat dann zum Glück die nüchtere Phase meines Lebens angefangen. Das ist übrigens ein Grund, warum ich viel schreibe, Musik mache, CDs und Filme produziere und morgens zu einer bestimmten Zeit jeden Tag aus dem Bett steigen kann. Deshalb gibt’s keine Beerdigung: R.I.P. JG.

Du hast ja auch zu jener Zeit deinen Mentor kennen gelernt.
Ja, 1987 ist mir Anthony Jackson, ein Bass Virtuose, über den Weg gelaufen. Wir wurden gute Freunde und er lehrte mich eine Menge Kunststücke. Wenn du wirklich begreifen willst, woher ich musikalisch komme, dann hör dir die Aufnahmen von Anthony an.

Du drehst alle deine Filme in NYC, warum?

Für mich ist klar, es gibt keinen exotischeren Ort in den USA als New York City. Es ist eine alte Stadt mit viel Geschichte im Hintergrund. Diese Stadt kann zu einem sehr düsteren Ort werden. Es hat überall seltsame Strassen und Schatten. Hier bekommst du ein komisches Gefühl zu spüren, wie in einem alten Krimi, teilweise erinnert mich die Stadt an Milano. Ich drehe oft nachts, wenn die Stadt ihr wahres Gesicht zeigt, wie eine einstmals scharfe Nutte, welche auch heute noch Charme ausstrahlt, aber bereits etwas verbraucht aussieht. Wenn du hier drehst, hast du zwar nicht soviel Talente zu Hand, die Leute sind jedoch ziemlich authentisch im Gegensatz zu L.A.. Sie lieben deftigen Sex und der Drehort ist einfach sexy und cool. Los Angeles ist einfach ... glänzend, nonstop Sonne. Die da drüben an der Westküste drehen einfach langweilige Pool / Sofa / Geländertreppen Fickszenen in den üblichen Häusern und Appartements, welche man schon x-mal gesehen hat.

Du kennst dann sicherlich auch all die Undergroundler wie Richard Kern, Lydia Lunch, Nick Zedd und Ari Roussimoff?
Na klar, ich habe alle deren Filme gesehen, als sie raus gekommen sind. Eigentlich mag ich die Filme aus den 70er und 80er Jahren von Scott & Beth B., Amos Poe und Abel Ferrara besser. Die sind irgendwie ehrlicher.

Manhattan scheint ja damals der Schmelztiegel für diese Art von Filmemacher
gewesen zu sein.

Die Stadt war ein erstaunlicher Ort in den Jahren 1975 bis 1987. Dann kam de grosse Wende und die Yuppies übernahmen gewisse Quartiere. Die Mieten schossen in die Höhe. Zu jener Zeit wohnte ich in einer Wohnung, welche mich 175 Dollar im Monat gekostet hat.

In den Filmen, welche du für das VCA-Label gedreht hast, gibt es so ziemlich verrückte Geschichten zum entdecken: Verschwörungstheorien, Mörder, Hexen als Publizistinnen getarnt und einen Psychopathen auf der Suche nach seiner grössten Liebe. Sag mal, nimmst Drogen wenn du deine Drehbücher schreibst?
Haha! Grossartig. Nein, ich bin sauber und nüchtern seit über zwanzig Jahren. In den letzten zwei bis drei Jahren habe ich meine Filme dazu benutzt, das soziale Geschehen und einige Berühmtheiten, welche in den Medien gezeigt werden, zu kommentieren. Ich bin immer wieder erstaunt, wie die amerikanischen Medien es schaffen, die Karrieren einiger dieser wirklich wertlosen Leute aufrecht zu halten. Diese Geschichten sind sehr inspirierend für diese Art von Pornographie, welche ich gerade produziere. Deftiger, intensiver und schmutziger Sex gemischt mit politischen Themen - wie brechtsches Theater als Pornoversion.

Hast du bei VCA einfach an die Türe geklopft und gesagt, hey ich will für euch Pornos drehen?
Als HUSTLER letztes Jahr VCA kaufte, wurde ein richtig süsses Mädel eingestellt, welches die Firma zu einem Regisseuren-Label machen wollte, wo kreative Köpfe ihre Fantasien ausleben und gewagte Filme drehen können. Ich wurde von ihr angefragt, ob ich Lust hätte für sie zu drehen. Klar doch, hab ich gesagt. Kurz darauf wurde sie von einem unnützen Penner gefeuert, welcher ihren Job haben wollte. Dieser miserable Arsch klaute wiederum Kohle von den Budgets der Regisseure und wurde nun auch letzten Monat rausgeschmissen. 80% der neuen Regisseure haben deswegen gekündigt. Was ich kürzlich gehört habe ist, dass VCA ziemlich am Arsch ist. Die drehen nun wieder ihre stinklangweiligen Friede-Freude-Eierkuchen-Filme und verdienen mit diesem Müll vermutlich immer noch genügend Kohle.

Mussten deine Filme viele provokative Federn lassen oder garantierten sie dir eine „carte blanche“ beim Drehen?

Die haben meine Filme bös geschnitten, nicht nur der etwas deftigere Sex, auch die politischen Anspielungen. Ich habe viele ihrer Schnittauflagen in Frage gestellt und bin ziemlich froh, dass ich alles hinter mir habe und denen gesagt habe: ihr könnt mich mal. Die LA-Porno-Maschine gehört der Vergangenheit an und ich bin froh, dass ich in Zukunft Filme drehen werde, vielleicht für ein kleines Publikum, ohne dass mir jemand nervös über die Schultern guckt.

Na ja, da geht ja ab und zu wirklich auch die Post ab, z.B. eine Klistier-Fontäne, welche in die Strassenschlucht aus dem Anus einer Darstellerin spritzt. Ich dachte, auweia, das ist schon ziemlich dicke Post, wenn das die republikanischen Moralaposteln sehen.
Da gibt es andere Dinge, wo die Behörden momentan scharf drauf sind, z.B. minderjährige Pornodarsteller, simulierte oder echte Vergewaltigungen, Gewalt-Pornographie und solche Dinge. Die Leute, welche Stress mit den Fahndern bekommen sind die Rob Blacks und Max Hardcores. Doch selbst diese Jungs scheinen ihre Anklagen abzuwimmeln. Die Regierung hat ein Problem, der Pornographie an den Kragen zu gehen, weil viele grosse, einflussreiche Medienunternehmen mittlerweile ihr Geld damit verdienen.

Gibt es etwas, worüber sich der amerikanischen Bürger im Moment besonders aufregt?
Oh ja, die so genannten Cream Pies erhitzen die Gemüter. Das sind Szenen, in denen die Mädels Sperma aus ihrem Arschloch ins Maul einer anderen Darstellerin rausdrücken. Ich selber stehe auf Klistier-Sex und füge in meinen Filme etwas mehr Flüssigkeiten hinzu als ein paar Teelöffelchen voll Sperma wie in anderen Produktionen.

Können Begriffe wie Pornographie und Kunst überhaupt verheiratet werden oder schliessen sie einander prinzipiell aus?
Da gab es einige Versuche über die letzten Jahre hinweg, in denen die Avant-Garde mit der Verschmelzung dieser zwei Begriffe herum experimentiert hat. Die Filme kamen dementsprechend auch unterschiedlich explizit heraus. Ich spreche hier von den Werken von Doris Wishman, Roberta und Michael Findlay, Harry Novak und Joe Sarno um einige zu nennen. Mir gefallen die Werke dieser Regisseure, weil sie wirklich gewagt, psychotisch und düster sind. Oft sind die Sexszenen in diesen Filmen im Vergleich zu heute ziemlich harmlos, R-rated, weil sie in den Jahren zwischen 1965 und 68 produziert wurden. Hätten die Regisseure von damals richtige Pornoszenen drehen können, wären sicherlich grossartige Meisterwerke rausgekommen. Ich mag diese Filmemacher auch, weil sie so unprätentiös sind. Ihr Werk ist künstlerisch und experimentell, weil ihre Schöpfer komische und seltsame Geschöpfe waren, welche nicht versuchten, mit ein paar hinzugefügten Mösen, Ärschen und Titten hipp zu sein. Diese Leute kamen irgendwie von einem anderen Planeten.

Du hast kürzlich eine neue Band namens ANGEL BABY gegründet und willst mit ihr in Europa auf Tournee gehen. Als erstes planst du in Berlin zu spielen...
Wir spielen mit meiner neuen Band im Sextet, also Cello, Violine, Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug. Meinen drei neuen experimentellen Super 8mm Pornofilme werden während den Konzerten projiziert werden. Was ich von Berlin gehört habe ist, dass es dort zur Zeit sein muss, wie in New York City in den 70er Jahren: sehr aufgeschlossen mit flotten Sex- und Musikszenen. Die Künstler scheinen sich in dieser Stadt ziemlich entfalten zu können. Ich plane sogar nach der Tournee im kommenden Frühling mich für ein paar Monate dort niederzulassen, um meinen Film BERLIN GIRLS zu drehen.

Joe Gallants Webseite heisst: www.blackmirror.com


(Lenzl4, Juli 2007)



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